Die Beatles in Hamburg

Ex-Trapezkünstler und Stripclubbesitzer Bruno Koschmider hatte die Jungs 1960 aus England  angeworben – eine vollkommen unbekannte Band, die sich The Beatles nannte –, um im Indra (Große Freiheit 64) eine Oben-ohne-Performance musikalisch zu unterstützen. Sie waren nur vierte Wahl gewesen, drei andere Liverpooler Bands hatten abgewinkt. Nach ihren anstrengenden Auftritten – der erste war am 17. August 1960 über die Bühne gegangen – „logierten“ John Lennon, Paul McCartney, George Harrison, Stuart Sutcliffe und Pete Best in der Paul-Roosen-Straße 33. Auf einem dort angebrachten Schild halten sie eine Preludin-Packung in die Kamera: ein Schlankheitsmittel, das ihnen Energie verlieh, um den Auftrittsmarathon durchzuhalten. Wochentags mussten sie viereinhalb Stunden auf die Bühne, samstags sechs. Dafür gab es eine Pro-Kopf-Gage von 30 Mark.

Die Jungrocker "logierten" oberhalb des einstigen Bambi-Kinos in der Paul-Roosen-Straße 33. (© Mirja Schellbach)

Die Jungrocker „logierten“ oberhalb des einstigen Bambi-Kinos in der Paul-Roosen-Straße 33. (© Mirja Schellbach)

Der berühmt-berüchtigte Kaiserkeller (Große Freiheit 36) war ab dem 4. Oktober desselben Jahres ihre zweite Station: Bis zu 700 Gäste – hauptsächlich Seemänner und Nutten – wollten bespaßt werden. Sie wechselten sich mit Rory Storm & the Hurricanes ab und trafen zum ersten Mal auf einen gewissen Mr. Richard Starkey. Als Ringo Starr sollte er zwei Jahre später als Schlagzeuger für Pete Best einsteigen – genau dann, als die Weltkarriere der Beatles ihren Anfang nahm.

Gedenktafel zur Erinnerung an das Auftreten der Beatles im Kaiserkeller. (Foto von Lipinski, verwendet unter der folgenden Lizenz: CC-BY-SA-3.0, http://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0)

Gedenktafel zur Erinnerung an das Auftreten der Beatles im Kaiserkeller. (Foto von Lipinski, verwendet unter der folgenden Lizenz: CC-BY-SA-3.0, http://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0)

Am 30. November 1960 hatten sie ihren letzten Auftritt, bevor sie zurück nach Großbritannien mussten: Nachdem Koschmider spitz bekommen hatte, dass die Band in den Top Ten Club wechseln wollte, soll er George Harrison bei der Stadt angeschwärzt haben; der Mann an der Leadgitarre war erst 17 und damit zu jung, um in einem Nachtclub aufzutreten. Aus Frust kokelte Paul ein Kondom in ihrer Unterkunft an, was ihm und Pete Best eine Nacht im Gefängnis des lokalen Polizeireviers einbrachte, der Davidwache.

Nicht nur Gelegenheitsgangster und richtig böse Jungs waren hier schon "einquartiert" - auch Paul McCartney und Pete Best verbrachten eine Nacht auf der Davidwache. (© Matthias Kröner)

Nicht nur Gelegenheitsgangster und richtig böse Jungs waren hier schon „einquartiert“ – auch Paul McCartney und Pete Best verbrachten eine Nacht auf der Davidwache.             (© Matthias Kröner)

Am 1. April 1961 begann die Top-Ten- und am 13. April 1962 die berühmt-berüchtigte Star-Club-Zeit, die den endgültigen Durchbruch für die Fab Four bringen sollte; der Bassist Stuart Sutcliffe war zu diesem Zeitpunkt bereits ausgestiegen und am 10. April 1962 an einer Hirnblutung in einem Hamburger Krankenwagen gestorben … Im „bekanntesten Rock’n’Roll Club Deutschlands aller Zeiten“ (Süddeutsche) hatten sie insgesamt 79 Auftritte – bis Silvester 1962. Es wird kolportiert, dass die Band auch in Unterhosen und mit einer Klobrille um den Hals auftrat und die Verstärkeranlage demolierte, selbstverständlich alles in betrunkenem Zustand, wie es sich für echte Nachwuchstalente gehört. Paul McCartney wird später sagen, dass seine schönsten Erinnerungen mit dem Star-Club verbunden sind. John Lennon erklärte später, dass er erst in Hamburg erwachsen geworden sei. Ein Vierteljahr nachdem der von den Behörden gehasste Beatschuppen dicht gemacht hatte (die Gagen zahlreicher Stars waren ins Unermessliche gestiegen), trennten sich auch die Beatles, am 10. April 1970. Bis heute sollen sie über 1 Mrd. Tonträger verkauft haben. Ob das alles auch ohne die Hamburger Auftritte möglich gewesen wäre?!

Das Denkmal für die Fab Four am Beatles-Platz vor der Großen Freiheit. (© Matthias Kröner)

Das Denkmal für die Fab Four am Beatles-Platz vor der Großen Freiheit. (© Matthias Kröner)

Dieses Stück Musikgeschichte hat es völlig zu Recht in einen der berühmten „gelben Kästen“ des Michael Müller Verlags im neuen MM-City Hamburg von Matthias Kröner geschafft. Er hat nicht nur viele weitere interessante Anekdoten aus Hamburgs Vergangenheit und Gegenwart zusammengetragen, vor allem führt er seine Leser in sieben Spaziergängen durch die Elbmetropole und steu­ert dabei neben Top-Sehenswürdig­kei­ten wie Hafen oder Spei­cher­stadt auch Lo­ca­ti­ons an, die nicht auf den ers­ten Blick zum Tou­ris­ten­mek­ka tau­gen.

MM-City Hamburg

Die erste Auflage des MM-City Hamburg ist vor kurzem erschienen.

© Matthias Kröner

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Brennen für das Projekt oder Wie entsteht ein Reiseführer?

Wie geht eigentlich Reiseführer? Matthias Kröner hat einen launigen und sehr ehrlichen Blog-Beitrag zu dieser Frage verfasst. Nach dem Überraschungserfolg mit „Lübeck MM-City“ bringt der Autor, der unter anderem fürs Feiertags-Feuilleton des Bayerischen Rundfunks schreibt, im Mai seinen zweiten, subjektiven Reiseführer im Michael Müller Verlag heraus: „Hamburg MM-City“.

Kopfsteinpflaster

Steinig und uneben ist er, der Weg eines Reisebuchautors … (Foto: Berit Koepke)

 

Brennen für das Projekt
„Wir suchen keine Autoren“ lautet Michael Müllers Credo, seit er den Verlag im fränkischen Ebermannstadt vor 34 Jahren aus der Taufe gehoben hat. „Die Autoren müssen zu uns kommen. Nur so wissen wir, dass sie für ihr Projekt auch brennen.“ Was sich ein wenig überspannt anhört, versteht derjenige, der sich die Mühe macht, ein Buch für den vielleicht wichtigsten Individualreiseführerverlag der Republik zu schreiben.
Einen sogenannten „Allrounder“ – also ein Reisehandbuch, das sämtliche reiserelevanten Themen abdeckt – für diesen Verlag zu machen, ist ungefähr so, als müsste man „den Mount Everest mit einem Zahnstocher abtragen“. Dieses Zitat stammt von Thomas Schröder, der den Megabestseller des Verlags geschrieben hat: Mallorca, und zwar ohne Ballermannklischees.
Man ist nicht nur Dienstleister und professioneller Urlauber. Man ist auch akribischer Rechercheur, der einen subjektiven Schreibstil entwickeln soll, um ein Urlaubsziel möglichst authentisch einzufangen. Dass dabei auch kritisiert werden darf, bleibt eines der großen Erfolgsgeheimnisse des Erlanger Bücherhauses.

 

Subjektivität und Unterhaltung
Die Frage der Fragen lautet: Wie beginne ich die Recherche? Die Antwort der Antworten ist nicht so schwer. Man muss sich lediglich etwas Zeit nehmen – und zwar, bevor der Städtetrip losgeht.

Holstentor

Ehrliche Kritik: „Die Ausstellung im Holstentor hat etwas von einem sehr netten Heimatmuseum.“ (Foto: Berit Koepke)

Als Beispiel: In Lübeck existieren vielleicht 400 Restaurants, für das Reisebuch kann ich nur etwa 20 testen. Schon die erste Auswahl ist – subjektiv. Ich probierte mich durch die derzeitigen Szene-Lokale und Klassiker und wählte Lokalitäten aus, die von Einheimischen gerne besucht werden. In Hotels lasse ich mir Zimmer zeigen („Meine Eltern suchen nach einer Übernachtungsmöglichkeit in Lübeck. Wäre es möglich, dass ich einen Blick in Ihre Zimmer werfe?“). Wer seine Profession verrät, wird schon mal brüsk abgewiesen oder, bei Hotels ab 4 Sternen, an die Pressedame verwiesen, die dann doch wieder nur eine Hochglanzbroschüre weitergibt. Wenigstens bekommt man so einen kostenlosen Kaffee, doch muss zu einem späteren Zeitpunkt wiederkommen, wenn die Rezeption neu besetzt ist. Sonst erhält man keine echten Einblicke. Zudem lohnt es sich, ein Reisebuch auch als Lesebuch zu betrachten, das der Urlauber zum Schmökern zur Hand nimmt (nicht nur, wenn er einen Tipp braucht).
Wer Dinge recherchiert, die in anderen Büchern vernachlässigt wurden, hat häufig das Interesse auf seiner Seite.

 

Neuauflagen oder Wie man mit seinem Werk verwächst
Alle zwei Jahre überarbeiten Reisebuchautoren ihre Bände. D. h. sie kämmen jeden Satz noch einmal auf seine Richtigkeit durch, gehen noch einmal in alle Restaurants und Museen, sind noch einmal von Pontius bis Pilatus unterwegs und schießen noch einmal Fotos, als würden sie ihr Gebiet zum ersten Mal bereisen.

Alle zwei Jahre wird alles erneut getestet: die Kirchen, die Restaurants, die Straßenzüge

Alle zwei Jahre wird alles erneut getestet: die Kirchen, die Restaurants, die Straßenzüge (Foto: Berit Koepke)

Das Schöne daran: Während man mit der ersten Auflage (an der man mindestens neun Monate arbeitet) noch keinen überragenden Gewinn erzielt hat, ändert sich das mit den Folgenummern, für die man dieselben Prozente erhält. Doch auch der Verlag gewinnt: Denn mit jeder Neuauflage verwächst der Autor noch stärker mit seinem Werk. Spätestens mit der 3. Auflage enthalten die Bücher ein (aktuelles) Wissen, dem so schnell kein Mitbewerber etwas entgegensetzen kann.

 

Härtetest Lektorat
Das Lektorat ist der Härtetest für jeden Autor. Während es für den Verlag ein zeitaufwändiger, aber notwendiger Posten ist – vor allem bei Erstauflagen! –, muss man sich als Autor zusammenreißen, um nicht um jeden gekürzten Absatz zu kämpfen.
Dabei gilt: Nicht immer hat der Lektor recht, wenn es um stilistische Dinge geht, die die Eigenständigkeit eines Schreibers ausmachen. Bei orthographischen Geschichten sollte man den Meistern der deutschen Rechtschreibung (die natürlich noch sehr viel mehr sind) allerdings voll und ganz vertrauen.

 

Layout und Fahnen
Im Michael Müller Verlag liefert der Autor die Fotos weitgehend selbst. Dabei wird keine Hochglanzqualität erwartet. Skurrile Shots, die das Ungewöhnliche des Alltags einfangen, sind gern gesehen.

Marienkirche und Schiff

Wussten Sie, dass in der Marienkirche der größte Fälscherskandal der Nachkriegszeit stattfand? (Foto: Berit Koepke)

Bekommt man die gelayouteten Fahnen, muss es schnell gehen. In Windeseile liest man noch einmal das gesamte Typoskript von vorne bis hinten durch, korrigiert die Mängel der automatischen Silbentrennung, bittet darum, einige Fotos zugunsten der eigenen Lieblingsbilder auszutauschen und nimmt minimalste Änderungen allerletzter Art vor.
Im Falle der 2. Auflage von „Lübeck MM-City“ schloss kurz vor Drucklegung das einst so legendäre Casino in Travemünde, in dem bereits Dostojewski und – man höre und staune – der biedere Konrad Adenauer gezockt haben.

 

Der Zeitfaktor und die Zweifel
Geht das Typoskript – endlich – zur Druckerei, beginnt die Zitterei. Sind die Farben in guter Qualität? Funktioniert die Klebebindung? Wurden die Neuerungen allesamt eingearbeitet? Ist auf dem Cover was schief gelaufen?
Fischt man ein Vorabexemplar aus dem Briefkasten, denkt man an die ganzen Recherchen und Reisen, die man für die 200 bis 1.000 Seiten unternommen hat:
Bei „Norwegen“ war Kollege Armin Tima sechs Monate unterwegs (die komplette Niederschrift hatte er noch vor sich), bei „Lübeck“ kam ich mit 70 Halbtagesrecherchen aus (die komplette Niederschrift hatte ich noch vor mir). Man blickt auf die Restaurants und Unterkünfte, für die man sich entschieden hat – und beginnt zu zweifeln:
Stimmen die Öffnungszeiten der Museen noch, die man vor einigen Monaten recherchiert hat? Sind im Kapitel zur Stadtgeschichte die Zahlen richtig? Und hat man auch genügend Tipps für Leute mit schmaler Geldbörse?

Man schreibt für neugierige Reisende zwischen 30 und 70 Jahren, die das eigene Erlebnis schätzen, aber nicht mehr zwingend mit dem Rucksack unterwegs sind.

Reiseführer nicht nur für Backpacker (Foto: Matthias Kröner)

 

Die Zielgruppe
Zuletzt: Im Michael Müller Verlag schreibt man für eine sehr weite Zielgruppe: Man schreibt für neugierige Reisende zwischen 30 und 70 Jahren, die das eigene Erlebnis schätzen und auf eigene Faust unterwegs sind.
Nicht mehr zwingend mit Rucksack, doch noch genauso begierig auf Erkenntnisse, die über den Tellerrand des Klischees hinausgehen.

© Matthias Kröner

MM-City Hamburg

Der Städte-Guide Hamburg erscheint am 6. Mai.

MM-City Lübeck

Der Städte-Guide Lübeck ist in der 2. Auflage von 2013 erhältlich.