Vielfältig und bunt – der 37. DEKT in Berlin

Dass Berlin eine Reise wert ist, versteht sich von selbst. Auch wer kein Freund der Großstadt ist, fühlt sich öfters dabei ertappt, Berlin doch ganz nett zu finden. Kein Wunder, denn kaum eine Stadt in Deutschland bietet so viele verschiedene kulturelle Angebote wie unsere Hauptstadt.

 

Zwei Feste in einer Stadt

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Wahrzeichen der Stadt im Zeichen des Kirchentags

Besonders spürbar war dies am letzten Samstag im Mai. Am 27. Mai 2017 machten es sich gleich drei Gruppen zur Aufgabe, das Gesicht der Stadt zu verwandeln. Mit schillernden Farben zogen unterschiedlichste Menschen aus nah und fern in den Straßen umher. Geschmückt mit Fanschals und Trikots traf man sich an bunten Ständen und feierte – mehr oder weniger gemeinsam – gleich zwei große Feste. Der bunte Mix aus Rot, Weiß, Gelb, Schwarz und Orange mochte einige auf den ersten Blick verwirren. Denn während die einen dem DFB-Pokal-Finale zwischen Eintracht Frankfurt und Borussia Dortmund entgegenfieberten, trafen sich gleichzeitig tausende zu den Feierlichkeiten des „Lutherjubiläum“ auf dem 37. Evangelischen Kirchentag in Berlin.

Sehen und gesehen werden

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Graues Berlin?

Unter dem Motto „Du siehst mich“ (1. Mose 16, 13) versammelten sich von Mittwoch bis Sonntag zahlreiche Christen, aber auch Gläubige aus anderen Religionen, wie dem Judentum und dem Islam, Atheisten und generell Interessierte in Berlin. Alle zwei Jahre lädt die Evangelische Kirche Deutschlands ein, sich untereinander auszutauschen und friedlich so manches Streitthema zu diskutieren. Obwohl dieser Dialog durchaus christlich-protestantisch geprägt ist, finden so auch Menschen außerhalb dieses Glaubens interessante Angebote. Ob nun Diskussionen, Konzerte, Poetry Slams oder Theaterstücke, mit einem unfangreichen 500-Seiten-Programm war einiges zu erleben!

 

Große Themen – drängende Fragen

…oder Spiegel der Vielfalt?

Denn die Evangelische Kirche schaut hinaus in die Welt und sieht auf die brennenden Fragen in der Gesellschaft. Bei Podiumsdiskussionen, Gesprächsrunden und offenen Fragestunden standen beispielsweise PolitikerInnen, WissenschaftlerInnen und MenschenrechtlerInnen dem Publikum Rede und Antwort. Ein großes Thema war hier die Digitalisierung und die Rolle Deutschlands als Friedensbotschafter in aller Welt. Während auf der großen Bühne vor dem Brandenburger Tor Bundeskanzlerin Angela Merkel und der ehemalige US-Präsident Barack Obama bejubelt wurden, mahnte Außenminister Sigmar Gabriel auf der Messe mehr Verantwortungsbewusstsein an.
Klatschen sei einfach. Doch diese Art der Zustimmung reiche leider nicht aus, um die Tendenz in Richtung Aufrüstung und Krieg zu stoppen und umzudrehen. Es müsse endlich wieder um wichtige soziale, religiöse und politische Themen geredet, diskutiert und sich gestritten werden – im positiven Sinne. So solle die  Gesellschaft sich beteiligen bei den Fragen um Frieden, Nächstenliebe und weitere große Themen die sich mit den aktuellen politischen Lagen verknüpfen lassen.

 

„Tragt Freundlichkeit in die Welt!“

Der Eröffnungsgottesdienst erzählt Geschichte und Geschichten der Stadt Berlin

Mit diesem Appell, sich mehr an der Gestaltung der Politik und des öffentlichen Lebens zu beteiligen, waren die Politiker nicht alleine. Mit viel Herz und Humor ermutigte auch Eckhart von Hirschhausen dazu, Freundlichkeit in die Welt zu tragen: Dies könne schon im ganz Kleinen Anfangen. Als Tipp empfahl er, ab und an eine Münze auf die Straße fallen zu lassen. Wer überraschendes Glück erlebe, sei danach nämlich viel hilfsbereiter. Neben aller Heiterkeit warnte der Klavier-Kabarettist Bodo Wartke in seinem Lied „Nicht in meinem Namen“ davor, vorschnell Religion als Streitursache zu missbrauchen oder missbrauchen zu lassen.

 

Spiel und Spaß sind genauso wichtig

Natürlich durfte neben diesen ernsten Themen auch der Spaß nicht fehlen. So gab es viel Raum und Zeit, sich bei Sport, Tanz und Musik oder dem Feiern eines gemeinsamen Gottesdienstes zu treffen. Besonders auf sich aufmerksam machten mit Spiel und Spaß das Zentrum Jugend und das Zentrum Kinder: Hier war es dank vieler Mitmach-Aktionen laut und bunt.

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Abschlussgottesdienst in Wittenberg

Auch der Markt der Möglichkeit, der Markt der Innovation und andere Zentren boten vielfältige Angebote. Wer auf der Suche nach Impulsen und Antworten zu verschiedenen Themen suchte, war hier bestens aufgehoben. Seinen Abschluss fand der 37. Kirchentag dieses Jahr ausnahmsweise fernab vom eigentlichen Veranstaltungsort. Zu einem letzten Festakt – dem Abschlussgottesdienst – machten sich viele der Besucher auf nach Wittenberg.

 

„Hier stehen wir – und wollen anders. Jetzt gehen wir – und können anders!

Nun blicke ich nach ein paar Tagen zurück und frage mich was bleibt, von diesem Event und dem Wunsch anders zu handeln und Teil einer Friedensbewegung zu sein?
Für mich bleibt die Erfahrung, Teil einer unglaublich vielfältigen Weltgemeinschaft sein zu dürfen. Die Hoffnung, dass viele Menschen lieber Frieden suchen als Streit, egal aus welcher Region, Religion oder Orientierung sie kommen und der Wunsch Berlin als Stadt bald genauso bunt und weltoffen wiederzusehen.

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Kerzenmeer zum Ausklang des Tages in der Messe Berlin

 

 

Text: Saskia B. Vortisch

Fotos: Saskia B. Vortisch

Infos: https://www.kirchentag.de/

 

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Das Geld eher klein, die Reiselust dagegen groß: Das eine schließt das andere aber nicht unbedingt aus.

Das Budget eher klein, die Reiselust dagegen groß? Das eine schließt das andere nicht unbedingt aus.

Wer kennt sie nicht, die – einmal kleinlaut, dann wieder stolz und hintergründig – gestellte Frage: „Und, wie viel habt Ihr für den Flug bezahlt?“
Zeit, die Karten auf den Tisch zu legen. Im Grunde gibt es nur zwei Optionen für den Ausgang des Gesprächs. Entweder man outet sich als die Person, die zum selben Ort, zur selben Zeit, nur eben leider zum doppelten Preis angereist ist, deswegen jedoch keine Vorteile, sondern nur den mitleidigen Blick des Gegenübers genießt, welcher mit triumphalem Unterton die Urlaubsersparnis zu einer Jagdtrophäe stilisiert. Oder eben andersherum. Denn wer ist schon nicht stolz, ein Schnäppchen aus den Tiefen und Wirren des Web, sei es durch geschicktes Frühbuchen, schlichtes Glück, oder eben die Kenntnis einschlägiger Rabatt-Anbieter gefunden zu haben. Ohnehin macht es mehr Spaß, den Großteil des hart erarbeiteten und/oder ersparten Reisebudgets im Zielland, und nicht in den Taschen der Transportunternehmen und Unterkunftsanbieter zu lassen.
Hier ein paar Tipps für die nächste (günstigere) Buchung.

Übernachten

Der Blick auf die Seine, das Läuten des Big Ben, den Central Park als Vorgarten oder die Nähe zum Meer sind meist den 5-Sterne-Häusern vorbehalten. In den beliebten Metropolen sind die Übernachtungspreise in der City schnell mal im drei- bis vierstelligen Bereich angesiedelt.
Eine tolle Alternative ist AirBnB. Unbewohnte, jedoch voll ausgestattete Apartments, häufig in Top-Lage, können zum vergleichsweise niedrigen Preis angemietet werden. Nach kurzer Registrierung ist die Buchung obendrein versichert, bei eventuellen Problemen hilft AirBnB. Unterkünfte sind mittlerweile in 190 Ländern weltweit verfügbar, detaillierte Nutzerbewertungen und -beschreibungen erleichtern die Auswahl des Domizils.
Weitere Anbieter mit ähnlichem Konzept sind 9flats und Wimdu.

Fliegen

Die Websites für Flugpreisschnäppchen sind häufig mit nervtötenden Werbeanzeigen, unerwünschten Weiterleitungen und unübersichtlichen Suchmasken ausgestattet. Anders verhält es sich bei Skyscanner: Klares Design, Weiterleitung nur auf Wunsch und Suche in Millionen von Flügen von mehr als tausend Fluggesellschaften. Ebenso kann nach Autovermietungen und Hotels gesucht werden.
Skyscanner ist außerdem als kostenlose App für unterwegs erhältlich.

Niedriger Flug = Niedrige Preise? Wohl kaum, doch wer richtig sucht, der findet.

Niedriger Flug = Niedrige Preise? Wohl kaum. Doch wer richtig sucht, der findet.

Fahren

Dem innerdeutschen Monopol für Personentransport auf längeren Strecken wurde spätestens durch das breite Angebot von Mitfahrgelegenheiten und die Öffnung des Marktes für Fernbusse der Kampf angesagt. So ringen zahlreiche Anbieter von Busreisen um die Gunst der bahnmüden Kundschaft. Die teils lächerlich niedrigen Preise (München – Hamburg ab 5 Euro) täuschen allerdings nicht über die Tatsache hinweg, dass der Bus an das Verkehrsroulette der deutschen Autobahnen gebunden und deshalb nicht vor Stau, Sperrungen und Umleitungen gefeit ist.
Auch die technische Ausstattung wie (funktionierendes!) kostenfreies WLAN und die Qualität der sanitären Einrichtungen variieren von Fahrt zu Fahrt. Und so hat die Bahn mit dem IC Bus, der zu günstigen Konditionen auch europaweit pendelt, aus Preis-Leistungssicht doch wieder die Nase vorn und kann mit modernen, doppelstöckigen Bussen, On-Board-Service und Sauberkeit punkten.

Ohne Stau ein gutes Schnäppchen: Fernbusse.

Ohne Stau ein gutes Schnäppchen: Fernbusse.

Das Onlineportal Mitfahrgelegenheit hat mit einem neuen Buchungssystem und zusätzlichen Gebühren für Anbieter von Fahrten jüngst einige Nutzer vergrault, bleibt aber bis dato Marktführer. Einfacher und ohne Registrierung bucht man auf Besser-Mitfahren. Wer sich nicht durch sämtliche Seiten klicken will, dem sei Fahrtfinder ans Herz gelegt. Dieser Webdienst sucht in allen deutschen Portalen (außer Mitfahrgelegenheit.de) nach Möglichkeiten, es sich auf dem Beifahrersitz bequem zu machen und besticht, ohne Pop-Ups und Werbung, durch Übersichtlichkeit.

© Johannes Endler

Lisboa – Schönheit am Tejo

Der Miradouro de Santa Luzia eröffnet ein spektakuläres Panorama über das "alte" Lissabon.

Der Miradouro de Santa Luzia eröffnet ein spektakuläres Panorama über das „alte“ Lissabon.

Wer Lissabon entdecken will, sollte gut zu Fuß sein. Nicht, weil die Hauptstadt Portugals sonderlich weitläufig wäre, vielmehr erstreckt sie sich über zwei Hügel, die in der Stadtmitte durch ein Tal getrennt sind. In der Senke befindet sich die Baixa, das Geschäfts- und Bankenviertel Lissabons, und der Chiado, wo Designergeschäfte und die „üblichen Verdächtigen“ zum Großstadt-Shopping locken.
Die östliche Erhebung beherbergt das wohl schönste Altstadtviertel, die Alfama, welche mit der Burg Castelo de São Jorge, der Kathedrale und dem Aussichtsplatz Miradouro de Santa Luzia der romantischen Vorstellung einer südeuropäischen Metropole sicherlich am nächsten kommt. Die engen Gassen mit den zweistöckigen Häuschen, den bunten Blumenkästen auf kleinen Balkonen und der Lage mitten im historischen Stadtkern lassen den Besucher leicht vergessen, dass sich in Lissabons historischen Stadtteilen fast jedes zweite Gebäude in einem sehr schlechten Zustand befindet – die dramatische Verschuldung der Stadt am Tejo, die sich über viele Jahre mit zahlreichen Großprojekten übernommen hat, lässt da wohl auch kaum eine Möglichkeit für eine flächendeckende, nachhaltige Restauration.

Hübsch anzusehen, doch die Fassade bröckelt vielerorts. Die Häuser im historischen Stadtviertel Lissabons, der Alfama.

Hübsch anzusehen, doch die Fassade bröckelt vielerorts. Über den Dächern der Alfama, dem historischen Stadtviertel Lissabons.

Krieg & Frieden. Auch die NATO genießt  den schönen Ausblick auf die Ingreja de São Miguel.

Krieg & Frieden. Auch die Marine genießt den schönen Ausblick auf die Ingreja de São Miguel.

Das Bairro Alto, die Oberstadt, befindet sich auf der gegenüberliegenden Seite und ist das Zentrum der Kneipenszene und des Lissabonner Nachtlebens. Doch auch tagsüber ist ein Rundgang durch die engen, steilen Sträßchen, durch die sich die gelben Straßenbahnen quetschen, äußerst empfehlenswert. Nicht der Mainstream, sondern das Alternative gibt hier den Ton an. Und doch kann gerade der Mainstream hilfreich sein, äußerst günstig in diesen Teil der Stadt zu gelangen. Zwar bietet sich vom Chiado aus die Möglichkeit, mit dem Elevador de Santa Justa den Höhenunterschied zu meistern, doch ist diese Option mit saftigen 5 EUR nicht gerade preiswert. Alternativ kann man die Oberstadt mit dem Fahrstuhl eines bekannten Modehauses mit den zwei Buchstaben „für umsonst“ erreichen.
Mit dem botanischen Garten, einer wahrhaft grünen Oase mitten in der Großstadt, zahlreichen Plätzen und Cafés sowie hier beheimateten Fakultäten der Universität hat sich eine ziemlich entspannte Atmosphäre entwickelt, und schnell verweilt man länger als geplant. Durch zahlreiche Street-Art- und Graffiti-Malereien an den Wänden wird das Flair des Szenebezirks, den das Bairro Alto vor allem bei Nacht versprüht, noch authentischer.

Ob der Platz wohl reicht? Straßenbahnen im Bairro Alto.

Ob der Platz wohl reicht? Straßenbahnen im Bairro Alto.

Street-Art im Bairro Alto, Lissabons alternativem Viertel.

Street-Art im Bairro Alto, Lissabons alternativem Viertel.

Sowohl in der Alfama als auch im Bairro Alto bietet sich die Möglichkeit, in einem Fado-Lokal den Abend ausklingen zu lassen. Fado bedeutet wörtlich „Schicksal“ und ist der volkstümliche Musikstil der Lissabonner. Im Fado, der voller Wehmut von mindestens zwei Gitarren begleitet vorgetragen wird, wird die melancholische Grundstimmung der Portugiesen, die sogenannte Saudade, transportiert. Während des Fado herrscht absolute Stille, danach ist Beifall aber durchaus willkommen.
Die wohl populärste Fado-Sängerin aller Zeiten ist die 1999 verstorbene Amália Rodrigues.

Mit 15 Touren in und um die hügelige Stadt am Tejo, die den Besucher so gar nicht wehmütig zu machen vermag, bietet der MM-City Lissabon – inklusive Gratis-App – umfassende Informationen und Tipps, so dass die Saudade garantiert erst beim Abschied Einzug hält!
Auch die 21., komplett überarbeitete und aktualisierte Auflage des MM-Reiseführers Portugal widmet Lissabon selbstverständlich ein eigenes Kapitel.

 Text & Fotos © Johannes Endler.

Portugal, 816 Seiten, 21. Auflage 2014, farbig, 26,90 EUR.

Portugal, 21. Auflage 2014, 816 Seiten, 26,90 EUR.

Lissabon, 7. Auflage 2014, 17,90 EUR (D), 288 Seiten.

Lissabon, 7. Auflage 2014, 288 Seiten, 17,90 EUR.

 

 

 

 

 

 

 

 

Faszination Vasa

Macht man sich in Stockholm mit der Fähre auf den Weg zur Insel Djurgarden, fallen schon von weitem drei riesige Masten auf. Sie gehören zum Vasa-Museum. DAS Museum in der schwedischen Hauptstadt, das man unbedingt gesehen haben sollte. Und das, obwohl dieses Museum nur ein einziges Exponat hat: ein Schiff. Und dennoch ist das „Vasa Museet“ eines der beeindruckendsten Museen der Welt – auch für diejenigen, die von sich behaupten, sich überhaupt nicht für Schiffe oder Geschichte zu interessieren!

Mit jeder der insgesamt zwei Dreh- und drei Stahltüren, die man passieren muss, nimmt man zunächst einen immer stärker werdenden Geruch von altem Holz und Konservierungsmitteln wahr. Und dann passiert es irgendwie ganz plötzlich und man steht vor ihr: 69 Meter lang und 34 (ursprünglich sogar 52) Meter hoch, das Holz dunkel verfärbt, reich verziert mit Hunderten von geschnitzten Skulpturen. Erst nach ein paar Sekunden der völligen Sprachlosigkeit und wenn sich die Augen an das Dämmerlicht gewöhnt haben, fängt man an zu realisieren, was man da sieht. Das weltweit einzige, aus dem 17. Jahrhundert erhaltene Schiff der Welt.

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Blick auf das Deck der Vasa.

Das Heck der Vasa ist verziert mit Hunderten Schnitzereien.

Das Heck der Vasa ist verziert mit Hunderten Schnitzereien.

Es ist der 10. August 1628. Ganz Stockholm bewundert das neue und prachtvolle Kriegsschiff von König Gustav II. Adolf. Nachdem 400 Handwerker in zwei Jahren rund 1000 Eichen verarbeitet haben, ist das mit 1200 Tonnen Gewicht und 64 Kanonen mächtigste Flaggschiff seiner Zeit fertiggestellt: die Vasa. Vor dem königlichen Schloss in Stockholm legt der Stolz des Königs ab, bejubelt von vielen Zuschauern. Doch nur wenige Minuten später schlägt die Stimmung um: Eine Windböe trifft plötzlich das Schiff und bringt es in eine bedrohliche Schräglage. Mit Müh und Not kann sich die Vasa kurzzeitig wieder aufrichten, nur um kurz darauf erneut von einem Windstoß erfasst zu werden. Das Unglück nimmt seinen Lauf, denn nun kann sich das Schiff nicht mehr aufrichten, und bald strömt durch die aufgrund der Salutschüsse geöffneten Kanonenpforten Wasser in sein Inneres. Die Vasa kentert – mitten im Hafen von Stockholm. Nach nur 22 Minuten und 1300 Metern.

Der Stockholmer Hafen, mit Blick auf Östermalm.

Der Stockholmer Hafen, mit Blick auf Östermalm.

Wie konnte das geschehen? Nach Baubeginn des Schiffes ließ König Gustav II. Adolf den Entwurf für die Vasa nochmals ändern. Er wollte ungewöhnlich viele Kanonen an Bord haben, und so gestalteten die mit dieser Aufgabe völlig überforderten Konstrukteure einen viel zu hohen Aufbau mit zwei Kanonendecks. Der Schwerpunkt des Schiffes lag damit viel zu weit oben und der eingeplante Ballast war viel zu leicht. So konnte schon eine leichte Windböe die stolze Vasa aus dem Gleichgewicht bringen.

Es ist der 24. April 1961. Wieder sind viele Schaulustige rund um den Stockholmer Hafen unterwegs. Die Sensation: wieder wegen der Vasa! 333 Jahre nach dem verheerenden Unglück von 1628 erblickt die Vasa wieder das Tageslicht. Der Wrackforscher Anders Franzén hatte das Schiff einige Jahre zuvor in 32 Metern Tiefe gefunden. Dank dem schwefelhaltigen Brackwasser im Stockholmer Hafen lag die Vasa jahrhundertelang gut erhalten mitten im Hafen von Stockholm. Nach vielen Jahren der Restaurierung und Konservierung konnten 95 Prozent der Originalteile erhalten werden, und um das Schiff herum wurde ein Museum erbaut, welches 1990 eröffnet wurde. Die stilisierten Masten, die aus dem Museumsdach herausragen, markieren die ursprüngliche Höhe der Vasa: 52 Meter.

Das Vasmuseum mit den riesigen Masten, die die ursprüngliche Höhe der Vasa markieren.

Das Vasamuseum mit den riesigen Masten, die die ursprüngliche Höhe der Vasa markieren.

Im Museum selbst kann man die Vasa von sieben Ebenen aus jedem Blickwinkel heraus bewundern. Es herrschen konstante klimatische Bedingungen und dunkle Lichtverhältnisse, um den Verfall des jahrhundertealten Holzes zu verlangsamen. Aufzuhalten ist er allerdings nicht. Und so brennt sich nicht nur der unverwechselbare Geruch und die fast ehrfürchtige Stimmung im Museum in die Köpfe der Besucher ein. Es bleibt auch die bange Frage, wie lange die Vasa die Stockholm-Touristen noch in ihren Bann ziehen kann.Suedschweden-fb

Text und Fotos: © Kathrin Etzel

Brennen für das Projekt oder Wie entsteht ein Reiseführer?

Wie geht eigentlich Reiseführer? Matthias Kröner hat einen launigen und sehr ehrlichen Blog-Beitrag zu dieser Frage verfasst. Nach dem Überraschungserfolg mit „Lübeck MM-City“ bringt der Autor, der unter anderem fürs Feiertags-Feuilleton des Bayerischen Rundfunks schreibt, im Mai seinen zweiten, subjektiven Reiseführer im Michael Müller Verlag heraus: „Hamburg MM-City“.

Kopfsteinpflaster

Steinig und uneben ist er, der Weg eines Reisebuchautors … (Foto: Berit Koepke)

 

Brennen für das Projekt
„Wir suchen keine Autoren“ lautet Michael Müllers Credo, seit er den Verlag im fränkischen Ebermannstadt vor 34 Jahren aus der Taufe gehoben hat. „Die Autoren müssen zu uns kommen. Nur so wissen wir, dass sie für ihr Projekt auch brennen.“ Was sich ein wenig überspannt anhört, versteht derjenige, der sich die Mühe macht, ein Buch für den vielleicht wichtigsten Individualreiseführerverlag der Republik zu schreiben.
Einen sogenannten „Allrounder“ – also ein Reisehandbuch, das sämtliche reiserelevanten Themen abdeckt – für diesen Verlag zu machen, ist ungefähr so, als müsste man „den Mount Everest mit einem Zahnstocher abtragen“. Dieses Zitat stammt von Thomas Schröder, der den Megabestseller des Verlags geschrieben hat: Mallorca, und zwar ohne Ballermannklischees.
Man ist nicht nur Dienstleister und professioneller Urlauber. Man ist auch akribischer Rechercheur, der einen subjektiven Schreibstil entwickeln soll, um ein Urlaubsziel möglichst authentisch einzufangen. Dass dabei auch kritisiert werden darf, bleibt eines der großen Erfolgsgeheimnisse des Erlanger Bücherhauses.

 

Subjektivität und Unterhaltung
Die Frage der Fragen lautet: Wie beginne ich die Recherche? Die Antwort der Antworten ist nicht so schwer. Man muss sich lediglich etwas Zeit nehmen – und zwar, bevor der Städtetrip losgeht.

Holstentor

Ehrliche Kritik: „Die Ausstellung im Holstentor hat etwas von einem sehr netten Heimatmuseum.“ (Foto: Berit Koepke)

Als Beispiel: In Lübeck existieren vielleicht 400 Restaurants, für das Reisebuch kann ich nur etwa 20 testen. Schon die erste Auswahl ist – subjektiv. Ich probierte mich durch die derzeitigen Szene-Lokale und Klassiker und wählte Lokalitäten aus, die von Einheimischen gerne besucht werden. In Hotels lasse ich mir Zimmer zeigen („Meine Eltern suchen nach einer Übernachtungsmöglichkeit in Lübeck. Wäre es möglich, dass ich einen Blick in Ihre Zimmer werfe?“). Wer seine Profession verrät, wird schon mal brüsk abgewiesen oder, bei Hotels ab 4 Sternen, an die Pressedame verwiesen, die dann doch wieder nur eine Hochglanzbroschüre weitergibt. Wenigstens bekommt man so einen kostenlosen Kaffee, doch muss zu einem späteren Zeitpunkt wiederkommen, wenn die Rezeption neu besetzt ist. Sonst erhält man keine echten Einblicke. Zudem lohnt es sich, ein Reisebuch auch als Lesebuch zu betrachten, das der Urlauber zum Schmökern zur Hand nimmt (nicht nur, wenn er einen Tipp braucht).
Wer Dinge recherchiert, die in anderen Büchern vernachlässigt wurden, hat häufig das Interesse auf seiner Seite.

 

Neuauflagen oder Wie man mit seinem Werk verwächst
Alle zwei Jahre überarbeiten Reisebuchautoren ihre Bände. D. h. sie kämmen jeden Satz noch einmal auf seine Richtigkeit durch, gehen noch einmal in alle Restaurants und Museen, sind noch einmal von Pontius bis Pilatus unterwegs und schießen noch einmal Fotos, als würden sie ihr Gebiet zum ersten Mal bereisen.

Alle zwei Jahre wird alles erneut getestet: die Kirchen, die Restaurants, die Straßenzüge

Alle zwei Jahre wird alles erneut getestet: die Kirchen, die Restaurants, die Straßenzüge (Foto: Berit Koepke)

Das Schöne daran: Während man mit der ersten Auflage (an der man mindestens neun Monate arbeitet) noch keinen überragenden Gewinn erzielt hat, ändert sich das mit den Folgenummern, für die man dieselben Prozente erhält. Doch auch der Verlag gewinnt: Denn mit jeder Neuauflage verwächst der Autor noch stärker mit seinem Werk. Spätestens mit der 3. Auflage enthalten die Bücher ein (aktuelles) Wissen, dem so schnell kein Mitbewerber etwas entgegensetzen kann.

 

Härtetest Lektorat
Das Lektorat ist der Härtetest für jeden Autor. Während es für den Verlag ein zeitaufwändiger, aber notwendiger Posten ist – vor allem bei Erstauflagen! –, muss man sich als Autor zusammenreißen, um nicht um jeden gekürzten Absatz zu kämpfen.
Dabei gilt: Nicht immer hat der Lektor recht, wenn es um stilistische Dinge geht, die die Eigenständigkeit eines Schreibers ausmachen. Bei orthographischen Geschichten sollte man den Meistern der deutschen Rechtschreibung (die natürlich noch sehr viel mehr sind) allerdings voll und ganz vertrauen.

 

Layout und Fahnen
Im Michael Müller Verlag liefert der Autor die Fotos weitgehend selbst. Dabei wird keine Hochglanzqualität erwartet. Skurrile Shots, die das Ungewöhnliche des Alltags einfangen, sind gern gesehen.

Marienkirche und Schiff

Wussten Sie, dass in der Marienkirche der größte Fälscherskandal der Nachkriegszeit stattfand? (Foto: Berit Koepke)

Bekommt man die gelayouteten Fahnen, muss es schnell gehen. In Windeseile liest man noch einmal das gesamte Typoskript von vorne bis hinten durch, korrigiert die Mängel der automatischen Silbentrennung, bittet darum, einige Fotos zugunsten der eigenen Lieblingsbilder auszutauschen und nimmt minimalste Änderungen allerletzter Art vor.
Im Falle der 2. Auflage von „Lübeck MM-City“ schloss kurz vor Drucklegung das einst so legendäre Casino in Travemünde, in dem bereits Dostojewski und – man höre und staune – der biedere Konrad Adenauer gezockt haben.

 

Der Zeitfaktor und die Zweifel
Geht das Typoskript – endlich – zur Druckerei, beginnt die Zitterei. Sind die Farben in guter Qualität? Funktioniert die Klebebindung? Wurden die Neuerungen allesamt eingearbeitet? Ist auf dem Cover was schief gelaufen?
Fischt man ein Vorabexemplar aus dem Briefkasten, denkt man an die ganzen Recherchen und Reisen, die man für die 200 bis 1.000 Seiten unternommen hat:
Bei „Norwegen“ war Kollege Armin Tima sechs Monate unterwegs (die komplette Niederschrift hatte er noch vor sich), bei „Lübeck“ kam ich mit 70 Halbtagesrecherchen aus (die komplette Niederschrift hatte ich noch vor mir). Man blickt auf die Restaurants und Unterkünfte, für die man sich entschieden hat – und beginnt zu zweifeln:
Stimmen die Öffnungszeiten der Museen noch, die man vor einigen Monaten recherchiert hat? Sind im Kapitel zur Stadtgeschichte die Zahlen richtig? Und hat man auch genügend Tipps für Leute mit schmaler Geldbörse?

Man schreibt für neugierige Reisende zwischen 30 und 70 Jahren, die das eigene Erlebnis schätzen, aber nicht mehr zwingend mit dem Rucksack unterwegs sind.

Reiseführer nicht nur für Backpacker (Foto: Matthias Kröner)

 

Die Zielgruppe
Zuletzt: Im Michael Müller Verlag schreibt man für eine sehr weite Zielgruppe: Man schreibt für neugierige Reisende zwischen 30 und 70 Jahren, die das eigene Erlebnis schätzen und auf eigene Faust unterwegs sind.
Nicht mehr zwingend mit Rucksack, doch noch genauso begierig auf Erkenntnisse, die über den Tellerrand des Klischees hinausgehen.

© Matthias Kröner

MM-City Hamburg

Der Städte-Guide Hamburg erscheint am 6. Mai.

MM-City Lübeck

Der Städte-Guide Lübeck ist in der 2. Auflage von 2013 erhältlich.

Pappmaché-Krabbe trifft Plüschhäschen

Johannes Kral, Autor des gerade erschienenen MM-City Führers Mainz und seines Zeichens ex-Faschingsmuffel, erkundet die Fastnachtshochburg am Rhein während der närrischsten Zeit des Jahres – und da Angriff die beste Verteidigung ist, stürzt er sich einfach mit ins Getümmel.

Es ist kalt, nass und grau an diesem Freitag Anfang Februar. Der sonst so belebte Gutenbergplatz ist menschenleer. Keine knutschenden Teenager auf den Treppen des Staatstheaters. Keine Seniorengrüppchen beim Plausch nach dem Marktbesuch. Keine Touristen, die das Bronzestandbild Gutenbergs belagern. Nicht einmal die Tauben machen mit ihren Gurr-Lauten auf sich aufmerksam. Abgesehen von den Motorengeräuschen der Busse herrscht Stille.
Das passt ihr gar nicht! „Zuchplakettcher! Kaaft Zuchplakettcher!“, ruft die Dame Mitte 50 unüberhörbar in die Leere des Platzes. Selbstbewusst steht sie vor dem Theater. Um ihren Hals hat sie einen rot-blau-weiß-gelb gestreiften Schal geschwungen – die Farben der Mainzer Fastnacht. Ihr Haupt krönt eine Narrenkappe. Ein tiefer Sack hält sicher die Ware unter Verschluss, die heute Vormittag unters Volk gebracht werden soll. Der Verkauf der „Zuchplakettcher“ – kleine Plastikfiguren – soll den großen Rosenmontagszug finanzieren. Bunte Clowns sind es in diesem Jahr, die sich die Besucher zum Highlight der Mainzer Fastnacht um den Hals hängen werden.

Es stimmt wirklich: Mainz kann gleichzeitig singen und lachen. Foto: Sascha Knopp

Es stimmt also wirklich: Mainz kann gleichzeitig singen und lachen. Foto: Sascha Kopp

Eine halbe Million Schaulustige werden es auch dieses Jahr wieder sein, die den rund 9.000 Narren auf ihrem sieben Kilometer langen Zug ausgelassen zujubeln. Uniformierte Ranzengardisten, bunte Fahnenschwinger, berittene Narren, schrille Musikgruppen aus aller Welt und kritisch-humorvolle Motivwagen rollen am 3. März bereits zum 113. Mal durch die Mainzer Innenstadt. Und wer als Besucher dieses Spektakels nicht als graue Maus und Fastnachtsmuffel abgetan werden will, der sollte sich zeitig überlegen, in welcher Maskerade er denn zum größten Volksfest der Region erscheinen will.

Rosenmontagsumzug in Mainz - überragend. Foto: Sascha Knopp

Rosenmontagsumzug in Mainz – überragend närrisch.
Foto: Sascha Kopp

Bedenke, irgendwann muss auch der Narr mal auf’s Klo

Freunde der Mainzer Saalfastnacht erproben bereits ab Anfang Januar, wie die gewählte Kostümierung für die diesjährige Kampagne beim übrigen Narrenvolk ankommt. Rund 200 Prunksitzungen in den großen und kleinen Hallen der Stadt dienen als willkommene Bühne, um das gewählte Outfit unter den kritischen Blicken Gleichgesinnter auf Originalität zu testen. Wer die Sitzungen der Fastnachtsvereine nicht als gesellige Volkskunst, sondern vielmehr als gekünstelten Frohsinn versteht und deshalb einen großen Bogen um die Festsäle in Rheingoldhalle und Kurfürstliches Schloss macht, der sucht sich eben andere Möglichkeiten, sich und seine Kreativität zu präsentieren.
Eine Fastnachts-Warm-up-Party in der Neustadt etwa ist eine gute Alternative. Heute haben Lisa und Judith in ihre WG geladen, um „abzuchecken, ob wir uns mit unserer Verkleidung am Rosenmontag überhaupt auf die Straße wagen können“. Neben rein optischen Merkmalen müssen Fastnachtskostüme auch praktische Kriterien erfüllen. Letztes Jahr waren Lisa und Judith als Burlesque-Ladys unterwegs: „Sah geil aus, aber die Korsage hat gezwickt, mit Netzstrümpfen friert man sich sonst was ab und mit Mega-High Heels zügig durch die Massen zu kommen, ist auch nicht einfach.“ Deswegen gehen die beiden in diesem Jahr als Krabbenpärchen zum Zug. Für Kostümidee und konsequenten Seitwärtsgang bekommen die beiden volle Punktzahl in Sachen Optik. Dass Pappmaché-Rückenpanzer und -scheren beim Toilettenbesuch etwas hinderlich sein können, werden die Mädels später noch erfahren. Dafür gibt’s dann Punktabzug in Sachen Praxistauglichkeit.
Ein gutes Dutzend an Kostümen wird an diesem Abend zur Schau gestellt. Es gibt Lob, Kritik und im besten Fall lautes Gelächter. Timo ist wie jedes Jahr Verlierer, wenn die Kreativität der Kostümierung bewertet wird. Er nimmt’s gelassen, schüttelt kurz seine Schlappohren und streicht sich über den rosa Plüschwanst. Seit zehn Jahren schon mischt er sich als „schwuler Osterhase“ unter das Narrenvolk. Das Kostüm hat sich bewährt: Der gefütterte Anzug hält bei Wind und Wetter warm und ein Reißverschluss an der richtigen Stelle erweist sich als äußerst hilfreich, will man etwas von dem loswerden, „was man den Tag über so in sich hineingeschüttet hat“, weiß er.
Und das kann in der Zeit um den Rosenmontag schon mal etwas mehr werden. Helau!

Rosenmontag in Mainz

Schon tagsüber geht es in Mainz während der Fünften Jahreszeit feucht-fröhlich zu.    Foto: Sascha Kopp.

Hier gehts zum brandneuen MM-City Führer Mainz.

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