Berlin in Zeiten von Corona

Eine Bestandsaufnahme aus der Ferne

„Schreibt doch mal was über Corona in Berlin!“, forderte uns der Verlag kürzlich auf. Und weiter: „Was der Reisende jetzt so wissen muss.“ Der zweite Satz hatte sich schneller erledigt als wir in die Tasten hauen konnten. Vor Reisen nach Berlin wird gewarnt. Die deutsche Hauptstadt ist nach den Kriterien des Robert-Koch-Instituts zum Corona-Risikogebiet geworden. Die wenigen Touristen, die gerade in Berlin sind, kann man suchen wie die berühmte Nadel im Heuhaufen. Neukölln, 500 Meter von unserer Haustür entfernt, schreibt bei der Sieben-Tage-Inzidenz Rekorde. Und „unser“ Kreuzberg steht ebenfalls nicht gut da.

Unsere Autorin Gabi Tröger beim Spaziergang durch Friedrichshain, Foto: privat

Zu Bestsellern werden unsere Reiseführer über Risiko-Berlin in diesen Zeiten nicht. Berlin steht bei vielen gerade als allerletztes Ziel auf der Bucket-List. Auch im Sommer war die Stadt schon vergleichsweise kleinlaut. Unter den Linden, der Alexanderplatz, der Pariser Platz vorm Brandenburger Tor – tote Touristenhose. Und bei den Restaurants trennte sich die Spreu vom Weizen: Gut besucht waren die, die immer schon bei der Berliner Stammkundschaft mit Qualität punkten mussten. Leer waren die, deren 08/15-Küche vor Corona vorwiegend Einmal-und-nie-wieder-Gästen serviert worden war.

Voll dagegen waren die Parks. Wir staunten nicht schlecht, wie sich der riesige Volkspark Hasenheide vor unserer Haustür mit dem Untergehen der Sonne zu einem Festivalgelände entwickelte. Mit DJ-Pults, fahrenden Gin-Tonic-Verkäufern und illuminierten Chill-out-Ecken. Und noch am nächsten Morgen sahen wir beim Joggen Party People im Park tanzen. Jetzt, wo die Zahlen in Berlin explodieren und der Nieselherbst kaum mehr Partys im Freien zulässt, will der Regierende Bürgermeister die Parks stärker kontrollieren lassen. Eine Lachnummer. Genauso wie die verordnete Sperrstunde, die schon wieder gekippt wurde. Oder das Alkoholverbot nach 23 Uhr! Welcher Wirt wird sich dem beugen? Berlin kann nicht vieles, aber eines doch immer: legal, illegal und scheißegal feiern.

Während Karl Marx in der Mülltonne kramt, spielt ein Kätzchen mit dem Coronavirus: Stencil von Marycula Foto: G.Tröger

An Regeln halten sich in der Stadt bekanntlich wenige. Das macht Berlin ja auch so sexy. In Corona-Zeiten aber geht uns das auf den Senkel. Dafür braucht es nicht mal die Ignoranten auf den Anti-Corona-Demos, die Hand in Hand mit Nazis marschieren. Es gibt Provokateure in der U-Bahn, die nur darauf warten, zum Tragen einer Maske aufgefordert zu werden, um dann loszustänkern. Es gibt den Wirt ums Eck, der die Mundschutzpflicht bis heute nicht kennen will. Auch so manche Spätis machen weiter wie seit eh und je: ohne Maske, ohne Glasscheibe, ohne Abstand.

All das hat uns die Koffer packen lassen. Jetzt, wo wir dies hier schreiben, sitzen wir vor unserem Van auf einem Campingplatz in Griechenland. Über uns das schattige Dach eines Olivenbaums, vor uns ein schneeweißer Kieselstrand und türkisfarbenes Meer. Rechts und links von uns: niemand. Auf dem Peloponnes schreiben wir gerade unsere Texte. Und von hier verfolgen wir die Debatten aus der Hauptstadt, während dort die Fallzahlen täglich steigen. Heizpilze ja oder nein? Schnelltests in der Clubszene ja oder nein? Reisen – darf man noch oder doch nicht?


Coronaarbeit des in Berlin lebenden argentinischen Streetart-Künstlers Alaniz. „Media scares me more than Corona“, ließ er diesbezüglich auf seiner FB-Seite verkünden, Foto: G.Tröger


Bis wir unser „altes“ Berlin wiederbekommen, wird es wohl noch ein Weilchen dauern. Schon jetzt aber freuen wir uns darauf. Auf verqualmte Bars, wo die Leute fröhlich über die ganze Theke schreien. Auf Konzerte, so laut, dass die Ohren klingeln. Und auf all die Restaurants mit ihren verrückten Konzepten, durch die wir uns genüsslich futtern werden.

Fazit: Derzeit ist ein Berlin nicht gerade einen Besuch wert. Sich aber schon mal einen unserer Reiseführer zu besorgen, darin zu schmökern und zu planen – das halten wir für eine großartige Idee…

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