Faszination Vasa

Macht man sich in Stockholm mit der Fähre auf den Weg zur Insel Djurgarden, fallen schon von weitem drei riesige Masten auf. Sie gehören zum Vasa-Museum. DAS Museum in der schwedischen Hauptstadt, das man unbedingt gesehen haben sollte. Und das, obwohl dieses Museum nur ein einziges Exponat hat: ein Schiff. Und dennoch ist das „Vasa Museet“ eines der beeindruckendsten Museen der Welt – auch für diejenigen, die von sich behaupten, sich überhaupt nicht für Schiffe oder Geschichte zu interessieren!

Mit jeder der insgesamt zwei Dreh- und drei Stahltüren, die man passieren muss, nimmt man zunächst einen immer stärker werdenden Geruch von altem Holz und Konservierungsmitteln wahr. Und dann passiert es irgendwie ganz plötzlich und man steht vor ihr: 69 Meter lang und 34 (ursprünglich sogar 52) Meter hoch, das Holz dunkel verfärbt, reich verziert mit Hunderten von geschnitzten Skulpturen. Erst nach ein paar Sekunden der völligen Sprachlosigkeit und wenn sich die Augen an das Dämmerlicht gewöhnt haben, fängt man an zu realisieren, was man da sieht. Das weltweit einzige, aus dem 17. Jahrhundert erhaltene Schiff der Welt.

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Blick auf das Deck der Vasa.

Das Heck der Vasa ist verziert mit Hunderten Schnitzereien.

Das Heck der Vasa ist verziert mit Hunderten Schnitzereien.

Es ist der 10. August 1628. Ganz Stockholm bewundert das neue und prachtvolle Kriegsschiff von König Gustav II. Adolf. Nachdem 400 Handwerker in zwei Jahren rund 1000 Eichen verarbeitet haben, ist das mit 1200 Tonnen Gewicht und 64 Kanonen mächtigste Flaggschiff seiner Zeit fertiggestellt: die Vasa. Vor dem königlichen Schloss in Stockholm legt der Stolz des Königs ab, bejubelt von vielen Zuschauern. Doch nur wenige Minuten später schlägt die Stimmung um: Eine Windböe trifft plötzlich das Schiff und bringt es in eine bedrohliche Schräglage. Mit Müh und Not kann sich die Vasa kurzzeitig wieder aufrichten, nur um kurz darauf erneut von einem Windstoß erfasst zu werden. Das Unglück nimmt seinen Lauf, denn nun kann sich das Schiff nicht mehr aufrichten, und bald strömt durch die aufgrund der Salutschüsse geöffneten Kanonenpforten Wasser in sein Inneres. Die Vasa kentert – mitten im Hafen von Stockholm. Nach nur 22 Minuten und 1300 Metern.

Der Stockholmer Hafen, mit Blick auf Östermalm.

Der Stockholmer Hafen, mit Blick auf Östermalm.

Wie konnte das geschehen? Nach Baubeginn des Schiffes ließ König Gustav II. Adolf den Entwurf für die Vasa nochmals ändern. Er wollte ungewöhnlich viele Kanonen an Bord haben, und so gestalteten die mit dieser Aufgabe völlig überforderten Konstrukteure einen viel zu hohen Aufbau mit zwei Kanonendecks. Der Schwerpunkt des Schiffes lag damit viel zu weit oben und der eingeplante Ballast war viel zu leicht. So konnte schon eine leichte Windböe die stolze Vasa aus dem Gleichgewicht bringen.

Es ist der 24. April 1961. Wieder sind viele Schaulustige rund um den Stockholmer Hafen unterwegs. Die Sensation: wieder wegen der Vasa! 333 Jahre nach dem verheerenden Unglück von 1628 erblickt die Vasa wieder das Tageslicht. Der Wrackforscher Anders Franzén hatte das Schiff einige Jahre zuvor in 32 Metern Tiefe gefunden. Dank dem schwefelhaltigen Brackwasser im Stockholmer Hafen lag die Vasa jahrhundertelang gut erhalten mitten im Hafen von Stockholm. Nach vielen Jahren der Restaurierung und Konservierung konnten 95 Prozent der Originalteile erhalten werden, und um das Schiff herum wurde ein Museum erbaut, welches 1990 eröffnet wurde. Die stilisierten Masten, die aus dem Museumsdach herausragen, markieren die ursprüngliche Höhe der Vasa: 52 Meter.

Das Vasmuseum mit den riesigen Masten, die die ursprüngliche Höhe der Vasa markieren.

Das Vasamuseum mit den riesigen Masten, die die ursprüngliche Höhe der Vasa markieren.

Im Museum selbst kann man die Vasa von sieben Ebenen aus jedem Blickwinkel heraus bewundern. Es herrschen konstante klimatische Bedingungen und dunkle Lichtverhältnisse, um den Verfall des jahrhundertealten Holzes zu verlangsamen. Aufzuhalten ist er allerdings nicht. Und so brennt sich nicht nur der unverwechselbare Geruch und die fast ehrfürchtige Stimmung im Museum in die Köpfe der Besucher ein. Es bleibt auch die bange Frage, wie lange die Vasa die Stockholm-Touristen noch in ihren Bann ziehen kann.Suedschweden-fb

Text und Fotos: © Kathrin Etzel

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