Wandern auf Teneriffa: Ein Erlebnis für sämtliche Sinne

Unsere Mitarbeiterin Cara Koehler war für unseren Reiseblog auf Teneriffa unterwegs. Dort hat sie sich nicht nur mit Marion Helbig, der Autorin des MM-Wanderführers „Teneriffa“, zu einer Wanderung getroffen, sondern auch die reizvollen Landschaften Teneriffas und die kanarische Küche kennengelernt. Und da Cara US-Amerikanerin ist, gibt es den Blog heute zusätzlich zur deutschen Version auch auf Englisch.

Ostersonntag, morgens um viertel vor zehn. Wir sind auf dem Weg, um die Autorin des MM-Wanderführers „Teneriffa“ Marion Helbig zu treffen. Sie hat uns zu einer Wandertour durch die Schlucht „Barranco de Ruiz“ in Teneriffas grünem, und heute etwas regnerischem Nordteil eingeladen.
“Ich glaube, heute können wir die Wandertour vergessen, Cara.” sagt mein Freund. Dicke Regentropfen fallen vom Himmel und schlagen auf unserer Windschutzscheibe auf. Und tatsächlich teilt uns Marion am Treffpunkt ihrer Wanderfirma Der Wanderstab in Puerto de la Cruz mit, dass der Weg heute durch die starken Regenfälle zu rutschig ist. Inzwischen klart der Himmel langsam leicht auf, und Marion, deren Buch schon in dritter Auflage beim Michael Müller Verlag erscheint, schlägt einen Spaziergang an der Küste zwischen San Pedro und Puerto de la Cruz mit anschließendem Kaffee vor.

Aussichtspunkt über einer Plantage in San Pedro

Aussichtspunkt über einer Plantage in San Pedro.

Während der Feiertage sind besonders viele Familien, aber auch Jogger auf dem Pfad unterwegs – wir bewundern ihre Trittsicherheit und Geschicklichkeit, mit der sie den Pfad entlangrennen. Nach kurzer Wegstrecke erreichen wir ein erst kürzlich renoviertes altes Gutshaus aus dem 17. Jahrhundert, das derzeit leider für Touristen geschlossen ist. Die mächtigen Palmen werfen ihre Schatten auf die Fassade.

Das alte Gutshaus von einem Portugieser aus dem 17. Jahrhundert

Das alte Gutshaus eines Portugiesen aus dem 17. Jahrhundert.

Seit fast einem Jahrzehnt lebt Marion schon auf der größten Kanareninsel. Entsprechend kennt sie sie wie ihre Westentasche und hat viel Interessantes und Spannendes zu berichten. Unser Gespräch dreht sich um einheimische Gerichte, die natürlich viel mit der Landwirtschaft der Insel zu tun haben: Früher waren Rohrzucker und der daraus produzierte Rum das wichtigste Standbein der Insel; heute sind es Bananen, Avocados und Kartoffeln. Da dauert es nicht lang, bis wir unsere gemeinsame Leidenschaft für Wandern und Kulinarisches feststellen.

Landwirtschaft im Nordosten von Teneriffa

Landwirtschaft im Nordosten von Teneriffa.

Wir folgen dem Weg bergauf, bis sich ein neuer Küstenabschnitt vor uns auftut. Direkt an der Steilküste klebt die Ruine der Casa Hamilton und oberhalb davon die alte dampfbetriebene Wasserpumpanlage La Gordejuela. Dank der 1905 von der englischen Familie Hamilton erbauten Anlage war es möglich, die umliegenden Bananenplantagen mit Wasser zu versorgen – revolutionär für die damalige Zeit. Die kanarischen Inseln leiden teilweise an großer Wasserknappheit, wobei Teneriffa von den Passatwolken profitiert, die zumindest den Norden der Insel mit genügend Regenwasser versorgen.

Die Ruine der Casa Hamilton klebt an der Steilküste.

Die Ruine der Casa Hamilton klebt an der Steilküste. (© Marion Helbig)

Die unglaubliche geologische und botanische Vielfalt Teneriffas entdeckt man am besten zu Fuß bei Wanderungen in den höchst unterschiedlichen Regionen der Insel. Teilweise glaubt man sich an den Drehort eines Fantasyfilms versetzt. Und in der Tat beabsichtigte Ridley Scott, der berühmte Regisseur von Alien, sein neues episches Opus Exodus im Nationalpark Teide zu drehen. Doch die Parkverwaltung verweigerte die Genehmigung dafür, da die vielen beteiligten Tiere die Landschaft “verschmutzen” würden.

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Die weiße Mondlandschaft von Vilaflor.

Im Teide-Nationalpark glitzert am Fuße des 3718 m hohen Vulkans pechschwarzes vulkanisches Gestein in der Sonne. Nach der beeindruckenden schwarzen Mondlandschaft bildet der lichtgrüne, duftende Nadelwald, den man beim Abstieg nach Vilaflor durchwandert, einen bizarren Kontrast, wie er sich so vom blassen Boden und dem hellblauen Himmel abhebt.
Aber nicht nur die optischen Reize sind überwältigend, auch der Nase bieten sich berauschende Dufterlebnisse. Marion macht uns auch darauf aufmerksam. Sie kennt sich bestens in der Pflanzenwelt der Insel aus. Der Strauch, den wir auf ihr Geheiß hin anfassen, um dessen Duft zu erschnuppern, riecht unserer Meinung nach irgendwie nach Gummibärchen.

Im Nationalpark Las Cañadas del Teide.

Im Nationalpark Las Cañadas del Teide.

Möglicherweise sind dies aber nur die ersten Anzeichen von Hunger – und so ist es uns nur recht, dass Marion uns am Ende der Wanderung zu ihrer Lieblings-Guachinche bringt, wo wir einige der typischen kanarischen Köstlichkeiten genießen dürfen. Guachinches sind nur zeitweise geöffnete Garagenwirtschaften, in denen einfache, zünftige Speisen und der örtliche vino tinto zu äußerst zivilen Preisen gereicht werden.

Abierto heißt geöffnet! Eine Guachinche in der Nähe von La Orotava.

Abierto heißt geöffnet! Eine Guachinche in der Nähe von La Orotava.

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Typische kanarische camarones (Garnelen)

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Frittiertes Knoblauchhänchen

 

 

 

 

 

 

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Papas arrugadas

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Quesillo (Flan)

 

 

 

 

 

 

Marion Helbig und Jörg Brandt bieten mit ihrer Firma Der Wanderstab geführte Wanderungen für spanisch-, englisch- und deutschsprachige Gruppen und Reisende an.

Die Wanderfirma von Marion Helbig: Der Wanderstab

Die Wanderfirma von Marion Helbig: Der Wanderstab

Der Wanderführer Teneriffa und der Reiseführer Teneriffa liegen beide in komplett überarbeiteter Neuauflage vor.

MM-Wandern Teneriffa, 3. Auflage 2014

MM-Wandern Teneriffa, 3. Auflage 2014

Teneriffa, 7. Auflage 2014

Teneriffa, 7. Auflage 2014

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Tenerife Hiking : A 5-Sense Experience

Easter Sunday, quarter to ten in the morning. We’re driving to meet MM Verlag’s Tenerife hiking guide author Marion Helbig, who has offered to have us join her tour of the Barranco de Ruiz on Tenerife’s lusher – today rainier – northern coast.“We can forget the hike, Cara,” says my boyfriend. Fat raindrops are falling on the windshield.
Indeed when we find Marion at Der Wanderstab (Marion’s hiking company) meeting point in Puerto de la Cruz, she tells us the trail in the Barranco will be too slippery to hike today. By now, though, the sky is clearing up and Marion, whose MM Tenerife hiking guide has just been printed in its 3rd edition, offers to take us for coffee and do a short hike along the cliff-lined coast between San Pedro and Puerto de la Cruz.
Despite the holiday, many families and even more joggers are out on the trail today – I watch in wonder as they spring along the paths with sure-footedness, weaving politely in and out of walkers. Not long into the walk, we come upon an estate, unfortunately temporarily closed for tourists, but recently painted a radiant yellow-ochre. The heavy palms around the property cast shadows onto the façades. Marion has been living in Tenerife for a good decade and knows her way around on and off the trails. Talk moves from the people of Tenerife to the island’s agriculture – originally centered on sugarcane production, nowadays hailed for bananas, avocados, and potatoes – and we quickly find a common love of traveling not only for new hiking adventures, but for the (perhaps counterproductive) purpose of savoring the local cuisine.
After leaving the former manor, we walk on, mostly uphill, over a bridge to access a coastal region that is home to mysterious Casa Hamilton, which now stands in ruins (although this seems to add to its romantic quality). Marion points out old water pump station just above Casa Hamilton and notes its former importance for collecting and distributing fresh water in Tenerife. She adds that some of the Canary Islands have had trouble obtaining fresh water in the past, but that Tenerife was provided for thanks to the Passat clouds.
A hike through any given region on the island of Tenerife, the largest in the Canarian chain, is a rewarding in terms of the sheer geological diversity, one that I would liken to being on the set of a Star Wars film production. As a matter of fact, famed Alien director Ridley Scott expressed interest in filming his new epic Exodus in the Teide region of Tenerife, but park conservationists wouldn’t permit him to use a range of livestock for fear that they would “pollute” the grounds. Around the base of the Teide, for example, jet-black volcanic rock glimmers in the sunlight, giving the impression that a million insects’ eyes are watching you. In contrast, on the trail from Vilaflor up to the rare moonscapes, the wind whistles through the green, fragrant pines, which form a unique palette against the chalky earth and lapis sky. So far, all of the hikes have been a heady olfactory experience – Marion knows the flora well and encourages us to run our hands along one particular bush, which we delight to find smells like gummy bears.
As you’ve probably noticed already, we started to get hungry after our little walk. Shortly thereafter Marion brought us to lunch at one of her favorite guachinches, where we continued trading stories and experiences on Tenerife, not least those which involved Canarian food!

*Der Wanderstab is the hiking tour company that Marion along with Jörg Brandt run on Tenerife and cater to English, Spanish, and German-speaking groups and individuals.

Text und Fotos: © Cara Koehler

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Faszination Vasa

Macht man sich in Stockholm mit der Fähre auf den Weg zur Insel Djurgarden, fallen schon von weitem drei riesige Masten auf. Sie gehören zum Vasa-Museum. DAS Museum in der schwedischen Hauptstadt, das man unbedingt gesehen haben sollte. Und das, obwohl dieses Museum nur ein einziges Exponat hat: ein Schiff. Und dennoch ist das „Vasa Museet“ eines der beeindruckendsten Museen der Welt – auch für diejenigen, die von sich behaupten, sich überhaupt nicht für Schiffe oder Geschichte zu interessieren!

Mit jeder der insgesamt zwei Dreh- und drei Stahltüren, die man passieren muss, nimmt man zunächst einen immer stärker werdenden Geruch von altem Holz und Konservierungsmitteln wahr. Und dann passiert es irgendwie ganz plötzlich und man steht vor ihr: 69 Meter lang und 34 (ursprünglich sogar 52) Meter hoch, das Holz dunkel verfärbt, reich verziert mit Hunderten von geschnitzten Skulpturen. Erst nach ein paar Sekunden der völligen Sprachlosigkeit und wenn sich die Augen an das Dämmerlicht gewöhnt haben, fängt man an zu realisieren, was man da sieht. Das weltweit einzige, aus dem 17. Jahrhundert erhaltene Schiff der Welt.

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Blick auf das Deck der Vasa.

Das Heck der Vasa ist verziert mit Hunderten Schnitzereien.

Das Heck der Vasa ist verziert mit Hunderten Schnitzereien.

Es ist der 10. August 1628. Ganz Stockholm bewundert das neue und prachtvolle Kriegsschiff von König Gustav II. Adolf. Nachdem 400 Handwerker in zwei Jahren rund 1000 Eichen verarbeitet haben, ist das mit 1200 Tonnen Gewicht und 64 Kanonen mächtigste Flaggschiff seiner Zeit fertiggestellt: die Vasa. Vor dem königlichen Schloss in Stockholm legt der Stolz des Königs ab, bejubelt von vielen Zuschauern. Doch nur wenige Minuten später schlägt die Stimmung um: Eine Windböe trifft plötzlich das Schiff und bringt es in eine bedrohliche Schräglage. Mit Müh und Not kann sich die Vasa kurzzeitig wieder aufrichten, nur um kurz darauf erneut von einem Windstoß erfasst zu werden. Das Unglück nimmt seinen Lauf, denn nun kann sich das Schiff nicht mehr aufrichten, und bald strömt durch die aufgrund der Salutschüsse geöffneten Kanonenpforten Wasser in sein Inneres. Die Vasa kentert – mitten im Hafen von Stockholm. Nach nur 22 Minuten und 1300 Metern.

Der Stockholmer Hafen, mit Blick auf Östermalm.

Der Stockholmer Hafen, mit Blick auf Östermalm.

Wie konnte das geschehen? Nach Baubeginn des Schiffes ließ König Gustav II. Adolf den Entwurf für die Vasa nochmals ändern. Er wollte ungewöhnlich viele Kanonen an Bord haben, und so gestalteten die mit dieser Aufgabe völlig überforderten Konstrukteure einen viel zu hohen Aufbau mit zwei Kanonendecks. Der Schwerpunkt des Schiffes lag damit viel zu weit oben und der eingeplante Ballast war viel zu leicht. So konnte schon eine leichte Windböe die stolze Vasa aus dem Gleichgewicht bringen.

Es ist der 24. April 1961. Wieder sind viele Schaulustige rund um den Stockholmer Hafen unterwegs. Die Sensation: wieder wegen der Vasa! 333 Jahre nach dem verheerenden Unglück von 1628 erblickt die Vasa wieder das Tageslicht. Der Wrackforscher Anders Franzén hatte das Schiff einige Jahre zuvor in 32 Metern Tiefe gefunden. Dank dem schwefelhaltigen Brackwasser im Stockholmer Hafen lag die Vasa jahrhundertelang gut erhalten mitten im Hafen von Stockholm. Nach vielen Jahren der Restaurierung und Konservierung konnten 95 Prozent der Originalteile erhalten werden, und um das Schiff herum wurde ein Museum erbaut, welches 1990 eröffnet wurde. Die stilisierten Masten, die aus dem Museumsdach herausragen, markieren die ursprüngliche Höhe der Vasa: 52 Meter.

Das Vasmuseum mit den riesigen Masten, die die ursprüngliche Höhe der Vasa markieren.

Das Vasamuseum mit den riesigen Masten, die die ursprüngliche Höhe der Vasa markieren.

Im Museum selbst kann man die Vasa von sieben Ebenen aus jedem Blickwinkel heraus bewundern. Es herrschen konstante klimatische Bedingungen und dunkle Lichtverhältnisse, um den Verfall des jahrhundertealten Holzes zu verlangsamen. Aufzuhalten ist er allerdings nicht. Und so brennt sich nicht nur der unverwechselbare Geruch und die fast ehrfürchtige Stimmung im Museum in die Köpfe der Besucher ein. Es bleibt auch die bange Frage, wie lange die Vasa die Stockholm-Touristen noch in ihren Bann ziehen kann.Suedschweden-fb

Text und Fotos: © Kathrin Etzel

Rote Teufel, Corazón und Mariachi

Bus fahren war in Deutschland bis Anfang 2013 fast ausschließlich innerstädtisch oder von Dorf zu Dorf das Fortbewegungsmittel der Wahl, da die Bahn das Monopol auf den Fernverkehr innehatte. Mittlerweile besteht – Dank der Liberalisierung des Personenbeförderungsgesetzes – immer auch die Möglichkeit, Fernbusse für die Reise quer durch die Republik zu nutzen.
Ganz anders ist das in Zentralamerika. Wer die Region zwischen Karibik und Pazifik individuell bereisen will, kommt an den Bussen nicht vorbei. Länderübergreifende Verkehrsnetze, die auf den Hauptstrecken von großen Transportunternehmen bedient werden, ermöglichen Fahrten von Panama City bis Managua, zwischen Mexiko-Stadt und Tegucigalpa, von Guatemala City nach Belize. Der Nahverkehr ist fest in der Hand der Roten Teufel, der Diablos Rojos oder auch Chicken Busse.
Individualtouristen schätzen diese Art des Reisens, denn für vergleichsweise kleines Geld – die Fahrt von Panama’s Hauptstadt an die costaricanische Grenze kostet gerade einmal umgerechnet 12 Euro für die knapp 700 Kilometer – bekommt man nicht nur den Transport, sondern meistens auch ein kleines Abenteuer oben drauf.

Abwrackprämie, nein danke!

Abwrackprämie, nein danke! Changuinola, Panama.

Costa Rica, an der Karibikküste, irgendwo zwischen Limón und der Grenze zu Panama.

Am südlichen Ende der „Schweiz Mittelamerikas“, da wo die scheinbar endlosen Bananenplantagen beginnen, hört die richtige Straße auf. Der gelbe Chicken Bus, ein ausgemusterter Highschool-Bus aus den USA, rumpelt auf der Sand- und Steinpiste Richtung Sixaola, dem Grenzort zu Panama. Seinen Namen verdankt der Chicken Bus vor allem der engen Bestuhlung, häufig sind aber tatsächlich auch gefiederte Fahrgäste mit an Bord.
Es ist sehr feucht und heiß – diese Hitze sieht man auf den Postkarten mit den karibischen Palmwedeln nicht. Draußen ziehen die Bananenstauden, teilweise mit Plastikplanen bedeckt, mit dem Rascheln des Fahrtwindes vorbei. Wer sich noch nie gefragt hat, wie ein Kilo Bananen im hiesigen Discounter eigentlich 49 Cent kosten kann, obwohl sie nicht im Spreewald wachsen und mindestens zehn Stunden Flug hinter sich haben, der sollte vielleicht auch nicht allzu genau in das grüne Meer der Stauden schauen. Bis zu den Knien stehen die Erntehelfer im Schlamm der Wasserkanäle zwischen den Pflanzen in der prallen Tropensonne. Die lächelnde Chiquita-Frau mit dem Korb auf dem Kopf war allerdings nicht zu sehen. Ein Pfiff, und der Bus kommt zum Stehen. Schichtende. Oder eher Schichtwechsel. Drei Ticos im Blaumann springen auf, steigen aus, und die, die ihren Arbeitstag beendet haben, kommen herein. Einer hat eine Gitarre dabei. Kaum sitzt er, stimmt er zusammen mit seinen Kollegen an: Marley’s „Three little Birds“ mit dem Refrain „Everything’s gonna be alright“. Der ganze Bus summt mit.

Red Devil, Guatemala.

Red Devil, Guatemala.

Guatemala Stadt, Terminal de Autobuses.

Irgendwie kommt man immer an den Orten nachts an, wo man nachts eigentlich nichts verloren hat. Dazu zählt auch Guatemala’s Hauptstadt. Während der Diablo Rojo aus Antigua de Guatemala durch die dunklen Straßen der Stadt kurvt, kann man sich ein recht gutes Bild davon machen, was wohl passieren könnte, wenn man sich als wandelndes Dollarzeichen, mit dem 20 Kilo Rucksack als zusätzliches Handicap auf dem Rücken, hier und jetzt auf die Suche nach einer Übernachtung machen würde.
An roten Ampeln hält um diese Zeit keiner mehr, eiserne Regel. Alle Fenster auf Straßenhöhe sind vergittert, die Türen verbarrikadiert. Der Bus biegt in das Terminal ein, das – natürlich, wo sonst – im Rotlichtviertel liegt.
Die Durchsage des Fahrers in gebrochenem Englisch: „Everybody not from Guatemala City and waiting for transfer don’t leave the building, por favor„.
Wir haben uns alle daran gehalten –  Tipps von Einheimischen sind immer die besten.

Busbahnhof in Chiapas, Mexiko.

Busbahnhof in Chiapas, Mexiko.

Tuxtla Gutiérrez, Chiapas, Mexiko.

Wer in Zentralamerika öffentliche Verkehrsmittel benutzt, wird zwangsläufig zum Salsa-, Merengue- und Mariachifan. Ob morgens um halb fünf oder nachts um eins, das Buspersonal – Fahrer (Vater) und Ticketverkäufer (Sohn) – holt alles aus den blechernen Boxen der Diablos Rojos heraus. Die Roten Teufel sind eigentlich gar nicht zwingend rot, machen aber einen Höllenlärm und stoßen schwarze Rauchwolken aus den Auspuffrohren, wie es nur ohne Katalysator oder wohl im Fegefeuer möglich ist.
Der Motor röhrt, klimpert, und tuckert mit der Musik um die Wette. Meistens geht es um gehörig viel Corazón, Amor und Mujeres. Manchmal aber auch nur um Corazón. Jedenfalls scheinen alle die schmachtenden Texte zu kennen, und man selbst ertappt sich nach mehreren Wochen im Land auch dabei, den einen oder anderen Gassenhauer ausgemacht zu haben, bei dem man immerhin den Refrain mitsingen kann.

Gott fährt mit, hoffentlich.

Gott fährt mit, hoffentlich.

Wenn der Bus die Serpentinen in die autonome Region der Maya hinaufzuckelt, bergab viel zu spät gebremst wird, und scheinbar ohne zu Kuppeln die Gänge hineingehauen werden, ist die musikalische Untermalung der zentralamerikanischen Rhythmen nicht zu toppen.
Überholt wird ohnehin ständig und überall, auch wenn man gerade nicht über die nächste Kuppe sehen kann. „Jehova es mi Pastor„, steht auf der Windschutzscheibe.
Hoffentlich hat der Hirte heute seinen gnädigen Tag und bremst den Gegenverkehr aus.

Beitrag & Fotos © Johannes Endler.

Brennen für das Projekt oder Wie entsteht ein Reiseführer?

Wie geht eigentlich Reiseführer? Matthias Kröner hat einen launigen und sehr ehrlichen Blog-Beitrag zu dieser Frage verfasst. Nach dem Überraschungserfolg mit „Lübeck MM-City“ bringt der Autor, der unter anderem fürs Feiertags-Feuilleton des Bayerischen Rundfunks schreibt, im Mai seinen zweiten, subjektiven Reiseführer im Michael Müller Verlag heraus: „Hamburg MM-City“.

Kopfsteinpflaster

Steinig und uneben ist er, der Weg eines Reisebuchautors … (Foto: Berit Koepke)

 

Brennen für das Projekt
„Wir suchen keine Autoren“ lautet Michael Müllers Credo, seit er den Verlag im fränkischen Ebermannstadt vor 34 Jahren aus der Taufe gehoben hat. „Die Autoren müssen zu uns kommen. Nur so wissen wir, dass sie für ihr Projekt auch brennen.“ Was sich ein wenig überspannt anhört, versteht derjenige, der sich die Mühe macht, ein Buch für den vielleicht wichtigsten Individualreiseführerverlag der Republik zu schreiben.
Einen sogenannten „Allrounder“ – also ein Reisehandbuch, das sämtliche reiserelevanten Themen abdeckt – für diesen Verlag zu machen, ist ungefähr so, als müsste man „den Mount Everest mit einem Zahnstocher abtragen“. Dieses Zitat stammt von Thomas Schröder, der den Megabestseller des Verlags geschrieben hat: Mallorca, und zwar ohne Ballermannklischees.
Man ist nicht nur Dienstleister und professioneller Urlauber. Man ist auch akribischer Rechercheur, der einen subjektiven Schreibstil entwickeln soll, um ein Urlaubsziel möglichst authentisch einzufangen. Dass dabei auch kritisiert werden darf, bleibt eines der großen Erfolgsgeheimnisse des Erlanger Bücherhauses.

 

Subjektivität und Unterhaltung
Die Frage der Fragen lautet: Wie beginne ich die Recherche? Die Antwort der Antworten ist nicht so schwer. Man muss sich lediglich etwas Zeit nehmen – und zwar, bevor der Städtetrip losgeht.

Holstentor

Ehrliche Kritik: „Die Ausstellung im Holstentor hat etwas von einem sehr netten Heimatmuseum.“ (Foto: Berit Koepke)

Als Beispiel: In Lübeck existieren vielleicht 400 Restaurants, für das Reisebuch kann ich nur etwa 20 testen. Schon die erste Auswahl ist – subjektiv. Ich probierte mich durch die derzeitigen Szene-Lokale und Klassiker und wählte Lokalitäten aus, die von Einheimischen gerne besucht werden. In Hotels lasse ich mir Zimmer zeigen („Meine Eltern suchen nach einer Übernachtungsmöglichkeit in Lübeck. Wäre es möglich, dass ich einen Blick in Ihre Zimmer werfe?“). Wer seine Profession verrät, wird schon mal brüsk abgewiesen oder, bei Hotels ab 4 Sternen, an die Pressedame verwiesen, die dann doch wieder nur eine Hochglanzbroschüre weitergibt. Wenigstens bekommt man so einen kostenlosen Kaffee, doch muss zu einem späteren Zeitpunkt wiederkommen, wenn die Rezeption neu besetzt ist. Sonst erhält man keine echten Einblicke. Zudem lohnt es sich, ein Reisebuch auch als Lesebuch zu betrachten, das der Urlauber zum Schmökern zur Hand nimmt (nicht nur, wenn er einen Tipp braucht).
Wer Dinge recherchiert, die in anderen Büchern vernachlässigt wurden, hat häufig das Interesse auf seiner Seite.

 

Neuauflagen oder Wie man mit seinem Werk verwächst
Alle zwei Jahre überarbeiten Reisebuchautoren ihre Bände. D. h. sie kämmen jeden Satz noch einmal auf seine Richtigkeit durch, gehen noch einmal in alle Restaurants und Museen, sind noch einmal von Pontius bis Pilatus unterwegs und schießen noch einmal Fotos, als würden sie ihr Gebiet zum ersten Mal bereisen.

Alle zwei Jahre wird alles erneut getestet: die Kirchen, die Restaurants, die Straßenzüge

Alle zwei Jahre wird alles erneut getestet: die Kirchen, die Restaurants, die Straßenzüge (Foto: Berit Koepke)

Das Schöne daran: Während man mit der ersten Auflage (an der man mindestens neun Monate arbeitet) noch keinen überragenden Gewinn erzielt hat, ändert sich das mit den Folgenummern, für die man dieselben Prozente erhält. Doch auch der Verlag gewinnt: Denn mit jeder Neuauflage verwächst der Autor noch stärker mit seinem Werk. Spätestens mit der 3. Auflage enthalten die Bücher ein (aktuelles) Wissen, dem so schnell kein Mitbewerber etwas entgegensetzen kann.

 

Härtetest Lektorat
Das Lektorat ist der Härtetest für jeden Autor. Während es für den Verlag ein zeitaufwändiger, aber notwendiger Posten ist – vor allem bei Erstauflagen! –, muss man sich als Autor zusammenreißen, um nicht um jeden gekürzten Absatz zu kämpfen.
Dabei gilt: Nicht immer hat der Lektor recht, wenn es um stilistische Dinge geht, die die Eigenständigkeit eines Schreibers ausmachen. Bei orthographischen Geschichten sollte man den Meistern der deutschen Rechtschreibung (die natürlich noch sehr viel mehr sind) allerdings voll und ganz vertrauen.

 

Layout und Fahnen
Im Michael Müller Verlag liefert der Autor die Fotos weitgehend selbst. Dabei wird keine Hochglanzqualität erwartet. Skurrile Shots, die das Ungewöhnliche des Alltags einfangen, sind gern gesehen.

Marienkirche und Schiff

Wussten Sie, dass in der Marienkirche der größte Fälscherskandal der Nachkriegszeit stattfand? (Foto: Berit Koepke)

Bekommt man die gelayouteten Fahnen, muss es schnell gehen. In Windeseile liest man noch einmal das gesamte Typoskript von vorne bis hinten durch, korrigiert die Mängel der automatischen Silbentrennung, bittet darum, einige Fotos zugunsten der eigenen Lieblingsbilder auszutauschen und nimmt minimalste Änderungen allerletzter Art vor.
Im Falle der 2. Auflage von „Lübeck MM-City“ schloss kurz vor Drucklegung das einst so legendäre Casino in Travemünde, in dem bereits Dostojewski und – man höre und staune – der biedere Konrad Adenauer gezockt haben.

 

Der Zeitfaktor und die Zweifel
Geht das Typoskript – endlich – zur Druckerei, beginnt die Zitterei. Sind die Farben in guter Qualität? Funktioniert die Klebebindung? Wurden die Neuerungen allesamt eingearbeitet? Ist auf dem Cover was schief gelaufen?
Fischt man ein Vorabexemplar aus dem Briefkasten, denkt man an die ganzen Recherchen und Reisen, die man für die 200 bis 1.000 Seiten unternommen hat:
Bei „Norwegen“ war Kollege Armin Tima sechs Monate unterwegs (die komplette Niederschrift hatte er noch vor sich), bei „Lübeck“ kam ich mit 70 Halbtagesrecherchen aus (die komplette Niederschrift hatte ich noch vor mir). Man blickt auf die Restaurants und Unterkünfte, für die man sich entschieden hat – und beginnt zu zweifeln:
Stimmen die Öffnungszeiten der Museen noch, die man vor einigen Monaten recherchiert hat? Sind im Kapitel zur Stadtgeschichte die Zahlen richtig? Und hat man auch genügend Tipps für Leute mit schmaler Geldbörse?

Man schreibt für neugierige Reisende zwischen 30 und 70 Jahren, die das eigene Erlebnis schätzen, aber nicht mehr zwingend mit dem Rucksack unterwegs sind.

Reiseführer nicht nur für Backpacker (Foto: Matthias Kröner)

 

Die Zielgruppe
Zuletzt: Im Michael Müller Verlag schreibt man für eine sehr weite Zielgruppe: Man schreibt für neugierige Reisende zwischen 30 und 70 Jahren, die das eigene Erlebnis schätzen und auf eigene Faust unterwegs sind.
Nicht mehr zwingend mit Rucksack, doch noch genauso begierig auf Erkenntnisse, die über den Tellerrand des Klischees hinausgehen.

© Matthias Kröner

MM-City Hamburg

Der Städte-Guide Hamburg erscheint am 6. Mai.

MM-City Lübeck

Der Städte-Guide Lübeck ist in der 2. Auflage von 2013 erhältlich.