Spektakulär scheitern

In dieser Woche erzählt unser Lübeck-Autor Matthias Kröner (www.fair-gefischt.de) von einer unendlichen Reise ins Ungewisse. Denn Fan des 1. FC Nürnberg zu sein, bedeutet, das eigentlich Unmögliche auszuhalten – wieder und wieder und immer wieder. Welche andere Mannschaft kann schließlich von sich behaupten, nach einer Deutschen Meisterschaft und, knapp 40 Jahre später, nach einem DFB-Pokalsieg in die Zweite Liga abzusteigen?

Nachdem es meinem Verein gelungen war, als amtierender Pokalsieger abzusteigen (das war in der Saison 2007/2008), und das auch noch mit der besten Mannschaft der letzten zwanzig Jahre, befragte man einige Anhänger in Blickpunkt Sport. Einer von ihnen ist mir noch in Erinnerung. Der in rot-weißen Farben gekleidete Mann blickte betrübt in die Kamera, übte sich in einem fatalistischen (oder sollte ich sagen: fränkischen) Achselzucken und sprach die mir unvergesslichen Worte: „Wos solln mir als Fäns scho dou?! Mir könner nä blouß schreier.“

Fußballanhänger als Philosophen? Das schafft nur der FCN! Denn um ein Philosoph zu werden, muss man drei Eigenschaften sehr gut beherrschen: leiden, leiden und noch mehr leiden. Davon abgesehen, hat man als Bewunderer dieser Mannschaft immer wieder die Chance, Teil von etwas historisch Großem zu werden. Denn so blöd wie der Ruhmreiche stellt sich sonst niemand an. Selbst die Kicker der Westvorstadt, die Mannen der Spielvereinigung Greuther Fürth, schaffen es, manche ihrer Möglichkeiten, sich zu blamieren, noch auszulassen. Wir sind da unbarmherziger. Als Glubberer lässt man nichts anbrennen. Selbst dann nicht, wenn es schwieriger ist, in den Mist zu greifen, als davon fernzubleiben.

Härtetest für die Fanliebe

Kurz vor der Jahrtausendwende gelang es uns, in aussichtsreichster Position doch noch abzusteigen. Dabei standen wir vor dem letzten Spieltag auf dem zwölften (!) Tabellenplatz. Wir hatten drei Punkte (!!) und fünf Tore (!!!) mehr als der Tabellensechzehnte Frankfurt – und sogar Stuttgart, Freiburg und Rostock lagen noch hinter uns. Mit demselben Punktestand (37) und derselben Tordifferenz wie die Eintracht ging es dann doch in die Zweite Liga (Frankfurt 44:54, wir 40:50). An diesem Samstagnachmittag war ich im Stadion und sah harte Männer weinen! Es herrschte eine Stille und eine Verzweiflung, als wäre ein uns nahestehender Freund gestorben. – Es muss ähnlich gewesen sein wie 1968, als der Club als amtierender Deutscher Meister abstieg …

Es wird wieder eng

Auch 2013 hat es wieder geklappt, etwas Einzigartiges zu erreichen. Welcher Fußballanhänger in ganz Europa kann schon von sich behaupten, eine komplette Vorrunde ohne Sieg erlebt zu haben?! Das ist ein Rekord für die Ewigkeit. Nicht einmal SC Tasmania 1900 Berlin darf diese erstaunliche Leistung für sich beanspruchen. Am Ende der Spielzeit 1965/66 hatten die zwar die wenigsten Punkte (8), die wenigsten Tore (15), die meisten Gegentore (108) und die längste sieglose Serie in Folge (31 Spiele). Dafür gelang ihnen im ersten Spiel ein 2 zu 0 gegen den KSC … Wahrscheinlich werden wir kurz vor der WM wieder an erster Stelle stehen: derjenigen Vereine, die am häufigsten aus der Bundesliga nach unten fuhren. Momentan teilen wir uns diese Ehre mit Arminia Bielefeld.

Und wie erkläre ich das meinem Sohn?

Dabei ist es immer wieder beeindruckend, wie zielstrebig und unnachgiebig der Weg des eigentlich Unmöglichen beschritten wird. Obwohl der 1. Fußballclub Nürnberg am 14. Dezember 2013 mit drei Toren in Hannover vorne lag, stand es in der 92. Minute: 3 zu 3. Wer so siegesgewiss und zielsicher in Niederlagen (denn nichts anderes war dieses Ergebnis) hineintapert, den muss man lieben. Nicht aus Mitleid, sondern aus Respekt.
Seit ich Clubfan bin (und das bin ich seit ich 5 Jahre wurde und das erste Spiel auf den Schultern meines Vaters miterlebte, ein 1 zu 4 gegen Mönchengladbach), habe ich durch diesen Verein aber auch enorm gewonnen: an Akzeptanz vor den Unwägbarkeiten der Wirklichkeit. Auch meine Frustrationstoleranz ist hoch und wird immer höher – von Saison zu Saison, von Spiel zu Spiel …
Wie langweilig (und wenig persönlichkeitsbildend) muss es dagegen sein, die Spieler des FC Bayern anzufeuern. Immer gewinnen, und dann auch noch haushoch und neuerdings sogar – verdient … Wo bleibt da der Kick? Wo der Kitzel? Bereits ein Sieg meiner Mannschaft ist in etwa so, wie wenn die Münchener die Champions League einfahren. Lediglich in der Dritten Liga – ich war dabei – haben wir 80 Punkte gegen Vereine wie SG Egelsbach, TSF Ditzingen oder FC Bayern München Amateure geholt; da konnte man dann sogar mal per S-Bahn und Bus zu einem Auswärtsspiel …
Nichts desto trotz werde ich niemals meinen Verein verraten. Ich habe es einmal versucht und bin fremdgegangen: beim VfB Lübeck. Es war enttäuschend. Obwohl die damals noch drittklassig platzierte Elf (heute befindet man sich in der fünftklassigen Schleswig-Holstein-Liga) einen gekonnten Sieg mit sechs Toren einfuhr, sprang der Funke nicht über.
Ich halte mich da lieber an Beckett, der gerade ein Spiel meiner so verzweifelt anrennenden, sich abmühenden, ewig scheiternden und sich nicht geschlagen gebenden Mannschaft gesehen hatte, als ihm folgende Worte einfielen: „Immer versucht. Immer gescheitert. Einerlei. Wieder versuchen. Wieder scheitern. Besser scheitern.“
Lediglich dann, wenn ich meinem vierjährigen Sohn an einem Samstagnachmittag von der besonderen Liebe für meinen Fußballverein vorschwärme, kommen mir leise Zweifel: Ist das, was ich gerade betreibe, grausam – oder eine gezielte Vorbereitung aufs Leben?

Unser Nürnberg MM-City (9. Auflage 2014) ist soeben druckfrisch erschienen. Darin enthalten ist auch ein Kurz-Essay zum „Glubb“ und ein Artikel zum Frankenstadion, das man für 5 € innerhalb einer Führung besichtigen kann.
Wer solche Infos zusätzlich in seinem Smartphone oder auf seinem Tablet nutzen möchte, erhält im gedruckten Reiseführer zusätzlich einen Gutscheincode für eine Nürnberg-App!
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